Gelebtes Social Learning oder die Wiedergeburt des Classroom Trainings: Unser Working Out Loud Circle Mentor Bootcamp (Teil 1: Das WIE)

Zwei süddeutsche Technologie-Konzerne mit traditioneller Unternehmenskultur. Zwei experimentierfreudige Entscheidungsträger (Danke Katharina und Lukas!). 35 motivierte Teilnehmer. Ein Coworkingspace in der Fußgängerzone von Stuttgart – ein spannendes Thema. In diesem Post teile ich unsere Erfahrungen vom ersten unternehmensübergreifenden Working out Loud Circle Mentor Bootcamp mit Kollegen der Robert Bosch GmbH, der Daimler AG und John Stepper.

Farewell Seminarhotel mit Vollverpflegung

Die BOSCH Connectory liegt zentral aber versteckt in der ersten Etage eines 30er Jahre Geschäftshauses mitten in der Stuttgarter Fußgängerzone. Im Erdgeschoss ein Bäcker und andere Geschäfte, darüber die lichtdurchfluteten Coworking-Räumlichkeiten. Sie sind exzellent ausgestatteten und eignen sich perfekt für ein Bootcamp mit der Möglichkeit vieler Perspektivenwechsel: Die Gruppe kann sowohl in einem Atrium aus Paletten sitzen, als auch in möbelfreien Zonen zu Barcamp oder World Cafe Formaten floaten – oder lässig an der Cafebar chillen – auch während des Trainings.

Zum Mittag bitten wir die Teilnehmer, sich in kleinen Gruppen aufzuteilen und eine der zahlreichen Lunchbars in der Umgebung aufzusuchen. Selbstorganisation und Selbstverantwortung inklusive. Wie, kein gemeinsames Mittagessen „zum Networken?“ Nun, zur Vernetzung haben die Teilnehmer über die gesamte gemeinsame Zeit hinweg unzählige intensive Gelegenheiten, denn sie probieren sich in ständiger Interaktion miteinander aus: Die Interventionen zwingen zum kontinuierlichen, geführten und zielgerichteten Austausch.

Farewell Business Casual

“Bitte eine Trinkflasche und ein Handtuch mitbringen. Dresscode: Sportbekleidung.“ Diese Aufforderung in der Einladung schien einige Teilnehmer zu überraschen, andere zu irritieren. Doch einer der Kollegen bringt es auf den Punkt: „Diese Aufforderung hat definitiv dafür gesorgt, dass ich für dieses Training auch geistig aus dem Arbeitsalltag aussteigen konnte und mich voll auf das konzentriert habe, was wir hier gemacht haben.“

Dazu mussten wir also weder in ein entlegenes Seminarhotel reisen, noch die Mahlzeiten und Abende im Kollektiv verbringen – unter dem teilweise auch bekannten sozialen Druck eines Hotelseminars (Wer nicht dabei ist, muss sich erklären).

Und schließlich – natürlich hat das Outfit seinen Sinn: Kurze, von passender Musik begleitete Trainings- oder auch Achtsamkeits-Übungen nach geistig kräftezehrenden Sequenzen sowie vor Pausen oder nach dem Mittagessen (besonders geschätzt!) geben den Teilnehmern Gelegenheit, sich körperlich zu betätigen, Sauerstoff zu tanken, die „Festplatte im Kopf“ zu löschen – und miteinander zu lachen.

Farewell Seminarleiter

The smartest guy in the room? – Ist die Gruppe. Brauchen wir dann noch einen “Seminarleiter”? Nein, wir brauchen einen Potentialentwickler, einen feinfühligen und umsichtigen Moderator und Gruppenkenner, einen kreativen, spielerischen Coach, der damit umgehen kann, von einem stringenten Trainerleitfaden abzuweichen um der Gruppe situativ das zu geben, was sie in diesem Augenblick braucht. Wir entwickeln Haltungen und Kompetenzen, keine Inhalte. Weil wir darauf vertrauen, dass es nur kleiner Impulse bedarf, um die Teilnehmer anzuregen, ihr Wissen miteinander zu vernetzen – denn genau so funktioniert Social Learning: Den Inhalt vermitteln sich die Teilnehmer auf diese Weise gegenseitig selbst. Seitens des Coaches bedarf es dazu vor allen Dingen einer großen Beobachtungsgabe und der Fähigkeit, zuzuhören.

Der Coach ist kein Kindergärtner. „Die, die da sind, sind die Richtigen.“ Wer telefonieren muss, geht raus. Wer keine Lust auf das Thema hat, geht raus. Die Teilnehmer gestalten das Training mit: Sie selbst sind verantwortlich für das, was sie lernen wollen und mit wem sie dies tun.

Farewell Frontbeschallung

Selbstverständlich hat der Coach ein großes Wissen der Sach- und Fachthemen des Trainings und kann dies im Idealfall und bei akutem Bedarf aus eigener Erfahrung in den Arbeitsalltag der Teilnehmer verorten. Nur: Er hält keine Monologe darüber, sondern gibt der Gruppe Gelegenheit, ihr relevantes Wissen selbstgesteuert im Miteinander dazu zusammen zu tragen. Ein kleiner Impuls ist gelegentlich  hilfreich, doch das Wichtigste passiert in den Köpfen der Teilnehmer durch die Vernetzung ihres Wissens und ihrer Erfahrung.

Farewell Stillsitzen und Fressnarkose

Die Teilnehmer sind beschäftigt. Mit sich. Mit der Gruppe. In unterschiedlichen Konstellationen und Formaten. Rollenspiele wechseln sich ab mit kollegialer Fallberatung. Der Coach geht von Gruppe zu Gruppe, hört zu, fragt Einzelne, bezieht ein, motiviert, unterstützt durch methodische Anregung.

Die kleinen Physical Trainings sorgen für den Kitt und für Konzentration: Hier eine Tanzeinheit zur Anhebung des Energielevels und zum gemeinsamen Lachen, an anderer Stelle eine Achtsamkeitsübung zur Verbesserung der Konzentration oder zum Herunterkommen nach einem Konflikt. Fokuszeit. Wir lernen beobachten, zuhören, Gruppenprozesse verstehen – und selbst moderieren.

Und fast egal, welches Fachthema: Diese vier Fähigkeiten gehören zum wichtigsten Grundhandwerk in digitalen und agilen Zeiten. Für jeden Mitarbeiter. Und sind in dieser Form nur im Classroom erfahrbar und erlebbar. In experimentellen, selbstorganisierten Formaten.

Farewell Powerpoint

Das Arbeitsmaterial: Berge von Post It’s, Metaplanwände, Flipcharts, Schreibmaterial. Jeder bekommt ein DinA 5 Booklet mit den wichtigsten Arbeitsanweisungen. Themen werden gemeinsam im Dialog an der Metaplanwand entwickelt. Ein großer Wecker bringt die Gruppe wieder zusammen. Oder – ganz Bootcamp und Zirkeltraining – auch die Trillerpfeife des Coaches…

Die einzelnen Gruppen-Ergebnisse werden auf Metaebene diskutiert – nicht in Bezug auf detaillierte Inhalte oder Richtigkeit, sondern in Bezug auf den Arbeits- und Gruppenprozess und die individuelle Wahrnehmung der Kommunikations- und Kollaborationsprozesse. Die Vernissage der Ergebnisse bleibt stehen, die Kollegen können so die inhaltlichen Ergebnisse mit von ihnen selbst gewählten Diskussionspartnern im eigenen Timing noch einmal durchgehen und eigenständig das Wissen auf den Wänden mit dem in den Köpfen vernetzen.

Der Coach hat keine Folien und schon garkeine (animierte) Powerpoint. Inhaltliche Themen werden im Dialog am Flipchart entwickelt. Spielmaterialen wie Lego, Spielkarten, Papierflugzeuge spielen eine Rolle. Und ja, es wird gespielt, aber es geht nicht um das Spielen. Es geht um das Tun. Denn nur Tun verändert Handeln und Haltung.

Worum es in diesem Bootcamp ging

John Stepper teilte sein Wissen und seine Gedanken über die 12 Circle Guides, die das Rückgrat seiner Working Out Loud Methode darstellen. Die Teilnehmer reflektierten diese Inputs selbstorganisiert und unterstützt durch meine Moderation und vorbereitete Formate, die ich „Zirkeltrainings“ nenne.

Sie meinen, ein solches Format geht nur für Verhaltenstrainings? Oder bei Vernetzungsthemen? Oder mit jungen Leuten?

Ich meine: Das klassische Fachtraining ist tot. Die jüngere Generation hat gelernt, sich reine Know How -Themen bei konkretem Bedarf über Youtube oder Wikipedia zu erschließen. Unser Bootcamp war fach- hierarchie- und generationenübergreifend.

Ingenieure, HR-Leute, IT Experten. Führungskräfte und Mitarbeiter. U30er und Ü50er.

Bootcamp Style: Das Experiment haben wir bereits im Dezember erfolgreich geprobt: Alexander Kluge hatte den Auftrag, die künftigen Community Manager/ESN eines traditionellen Dienstleistungs-Konzerns zu trainieren. Und wählte ein hochgradig interaktives Bootkamp mit darin verankerten „Zirkeltrainings“. Das Feedback hat uns bestärkt: So lernen Menschen mit maximalem Energielevel und einer hohen Gruppenidentifikation – die Inhalte im interaktiven Austausch, durch wenige Impulse geführt, und die deutlich wesentlicheren Haltungen und Kompetenzen im Miteinander und Voneinander. Beobachtung und Erkenntnis: Organisationales Lernen darf auch Spass machen. Und wenn es nachhaltig sein soll, muss es das vielleicht sogar.

Organisationales Lernen im Classroom wird zunehmend auf der Schwelle von Fach und Verhalten stattfinden. Nur die Verbindung von Beidem rechtfertigt eine solche Investition. Denn nur die handlungsorientierte, erfahrungsbasierte und selbstverantwortliche Vermittlung einer intensiven Lernerfahrung von Beidem birgt das Potential, Menschen wirklich dabei zu unterstützen, aus sich heraus handlungsorientiert und selbstverantwortlich Haltungen zu verändern und ins Tun zu kommen.

Zum fachlichen Inhalt unseres Bootcamps

In unserem Bootcamp erhielten die Teilnehmer ein Tiefenverständnis für die Inhalte und Hintergründe der Working Out Loud Circle Guides und lernten gleichzeig auf dieser Basis, als WOL Circle Mentoren ihre Kollegen in den WOL Circles bei Bedarf von außen (nicht als Teil des Circles!) punktuell und reaktiv zu begleiten. Dies ist besonders im Unternehmenskontext wertvoll, wo der Arbeitsalltag und Termindruck es den Circles gelegentlich erschwert, zusammen zu kommen. Ziel erreicht? Zumindest sind alle Teilnehmer euphorisiert, motiviert, inspiriert – und total vernetzt – an ihren Arbeitsplatz zurück gekehrt. Woher ich das weiss? Nun, die Twitter-Drähte laufen immer noch heiss – und schon nach wenigen Stunden war für uns nicht mehr erkennbar, wer von welchem Unternehmen kommt: Alle total vernetzt.

Danke, liebe Teilnehmer, für Eure engagierte Teilnahme! Thanks John for this wonderful shared experience! Danke liebe Melanie für die perfekte Organisation. Danke liebe BonusSabine für die tolle Unterstützung!

(Stay tuned – demnächst Teil 2: Das WAS)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.