Working Out Loud in der Siemens Heavy Metal Werkstatt: „Ihr erfahrenen Könner, lasst Euch von uns Jungen inspirieren!“

…erzählt was Ihr tut und lasst uns das mal gemeinsam neu denken!

Vor rund vier Jahren begannen Robert Harms und Ronny Grossjohann, Fertigungsplaner im Siemens Gasturbinenwerk Berlin Huttenstrasse, Fertigungsplanung anders zu denken, und schufen einvernehmlich mit den Entscheidungsträgern des Standortes und der Maxime: „Ihr baut Eure Fabrik“ einen experimentellen Freiraum, der heute die beteiligten Fertigungskollegen selbstorganisiert zu Höchstleistungen motiviert.

Nun wird am gesamten Standort – und darüber hinaus – die erfolgreiche Idee konsequent zu Ende gedacht: Beim Task Market in der Huttenstrasse ruhten dieser Tage die Maschinen. Die Mitarbeiter des Standortes sowie Gäste aus den Schwesterwerken Mülheim und Görlitz erfuhren, wie im Werk Huttenstrasse Fertigung neu gedacht und organisiert wird – und können nun ihre künftigen Aufgaben selbst mitgestalten!

Task Market ist gelebtes Working Out Loud

Werkleiter Jan-Marc Lischka lud die Kollegen am gesamten Standort ein, ihre Arbeit vorzustellen – und Mitstreiter für Optimierungsprojekte anzuwerben, auch um in diesem Sinne die Standortattraktivität zu sichern. So flanierten die Mitarbeiter – bei strömendem Regen und Currywurst – von Halle zu Halle und informierten sich, welche aktuellen Optimierungsthemen bei den jeweils anderen Komponenten am Start sind.

Hier hatten die jeweiligen Verantwortlichen bereits erste Skizzen vorbereitet, wie einzelne Komponenten durch Insourcing oder anderweitige Kostenoptimierungsmaßnahmen effizienter gefertigt werden können. Diese Themen wurden in Einzelprojekten auf dem Markt angeboten – und Kollegen des gesamten Standortes konnten sich je nach persönlicher Interessenlage, Kapazität und gesuchter Kompetenz in Kontaktlisten eintragen, um – zusätzlich zu ihrer eigentlichen Aufgabe, die im vollen Umfang bestehen bleibt – selbst organisiert an anderen Themen sowie in anderen Teams mitzuwirken.

„Kann ich mich auch eintragen?“ – HR heisst auch: Die Human Relations in der Fertigung unterstützen!

Ich komme zwar nicht von Standort Huttenstrasse, aber ich will natürlich wissen, ob und wie es funktioniert – und trug mich daher, obwohl standortfremd, für Projekte ein, bei denen kaufmännische Kompetenzen, aber auch Moderation, Mediation, Teambuilding oder Coaching hilfreich sein könnten. Auch weil ich glaube, dass dies eine der künftigen HR (Human Relations!) Aufgaben sein könnte: Die Kollegen in einer agilen Organisation unterstützen, schnell und mit Lust gemeinsam ins produktive Handeln zu kommen. Ich bin natürlich erklärter Gegner der beliebten Konzernfloskel (…) und musste sie mir daher spontan verkneifen, aber…

Das haben wir doch alles schon mal gemacht.“

Vor etwa 25 Jahren durfte ich als Werkstudentin in der Hybridfertigung München Hoffmannstrasse meine ersten Gehversuche machen: In der Nachtschicht im Akkord an einer riesenhaften „SiePlace“ Maschine sitzend. Beeindruckend fand ich damals die Struktur der „Teilautonomen Gruppen“, praktisch selbst organisierte Teams, die über den Tellerrand hinaus eben nicht nur für einen Arbeitsschritt im Taylor’schen Sinne, sondern für eine sinnhafte Komponente mit allen Wertschöpfungsschritten selbstgesteuert und gesamtverantwortlich zeichneten.

Betreut wurden diese Gruppen seinerzeit von der „Personalabteilung“ – mit Moderation, Teambuilding, Konfliktmanagement. Das hatte mich damals so beeindruckt, dass ich die nächsten und alle weiteren Semesterferien in der besagten „PA“ zubrachte.

Wohin sind diese guten Gedanken und Ansätze im Laufe der letzten 20 Jahre gekommen? Der Standort Deutschland hat in den 90ern durch Deregulierung und Globalisierung den Fokus auf Restrukturierung gesetzt, um im internationalen Wettbewerb zu überleben. Die „PA“ wurde in der Folge zum Erfüllungsgehilfen von Downsizing, später zum Umsetzer der totalen Automatisierung von Mitarbeiter-Prozessen. Beispielsweise mit der Einführung der individuellen Zielsystematik, die in großen Unternehmen gigantische Datenbanken füllt, mit wie wir heute wissen zweifelhaftem Mehrwert für Mensch und Organisation.

Wenn also heute die Frage diskutiert wird, wie eine neue „PA“ eine „Human Relations“ Funktion in Zeiten der Digitalisierung aussieht, liegt die Antwort meiner Auffassung nach nahe: Zurück zu den Menschen im Unternehmen. Und zwar nicht (nur) zu den Entscheidungsträgern in den Eckbüros in der 13. Etage, sondern zurück auch in die Werkstätten. Im Übrigen landen wir dann wieder bei Frithjof Bergmann, der genau dies schon vor 40 Jahren forderte: Seine Büros für Neue Arbeit sollten Menschen unterstützen, mit den Downsides der industriellen Arbeit klar zu kommen, durch Förderung persönlicher Talente und Interessen.

Zurück zur Turbine: „Halb zogen sie ihn, halb sank er dahin“

Im Hintergrund das imposante und gleichzeitig filegrane Stahlgebilde einer tonnenschweren, glänzenden Turbine, stellten die Projektverantwortlichen die bereits vorgedachten Maßnahmen vor, um ihre Komponente künftig effizienter zu fertigen. Die Listen, in die interessierte sich hier zur Mitwirkung eintragen konnten, füllten sich im Nu. Die Motivation hierzu reichte von: „Ich will einfach mal etwas Anderes lernen und mal mit neuen Kollegen zusammen arbeiten“ bis „es bleibt mir ja nichts Anderes übrig, als Schlosser werde ich hier vielleicht eines Tages nicht mehr gebraucht.“

Auch das ist im Übrigen gelebtes „Working Out Loud“: In einem Unternehmen, das eigentlich in jeder Hinsicht für seine Mitarbeiter sorgt, auf allen Ebenen, sowohl in den Büros wie in den Werkstätten dennoch selbst die Kontrolle über den eigenen Weg zu übernehmen – und proaktiv zu steuern, was der nächste Schritt ist. Doch klar wird in den Gesprächen auch: Die Zukunft der Digitalisierung und Automatisierung von Fertigungsprozessen erfüllt die Kollegen mit Sorge und Unsicherheit.

Auch Angst ist ein Thema

Es ist kein Geheimnis: Der Produktionsstandort Deutschland, insbesondere traditionelle Industrieunternehmen mit einem hohen Fertigungsanteil, stehen vor der großen Herausforderung, sich in Zeiten von Digitalisierung und Globalisierung im internationalen Wettbewerb zu behaupten. Das schürt vielschichtige Ängste, und es ist bemerkenswert und spricht für das Feingefühl der Entscheidungsträger, dass sie am Tag des Task Markets den Bedenken und Sorgen bewusst Raum geben – mit einer eigenen Station, die die Standort Kollegen bei ihrer Wanderung von Halle zu Halle passieren – und ihnen ermöglichen, ihre Gedanken offen und für alle lesbar an eine Feedback-Wand zu artikulieren.

Dabei sind die Bedenken, Sorgen und Gedanken der Kollegen am Standort so ambivalent wie ihre Motivation, mit bewusstem Mehraufwand an den oben beschriebenen Projekten mitzuwirken. Hier die Angst um den eigenen Arbeitsplatz, um die persönliche, wirtschaftliche Existenz im handwerklichen Beruf; da die Angst, dass der eigene Arbeitgeber vielleicht nicht Schritt halten kann mit dem rasanten Fortschritt, speziell in der eigenen Branche Energieerzeugung.

Hinzu kommt die Herausforderung an die zweite und dritte operative Führungsebene, menschlich und kapazitativ mit den „fließenden“ Strukturen umzugehen – und mit der Autarkie „ihrer“ Mitarbeiter, die sich mit dem Task Market zunehmend selbst organisieren, und anders als bisher, ohne Abstimmung oder „Erlaubnis“ beginnen können, eigenen Themen zu entwickeln.

Darf man, muss man über diese Sorgen offen sprechen?

Ich meine ja. Wir können diese Ängste nicht ausräumen. Und noch mehr, wir teilen sie in den Büros wie in den Werkstätten, weil wir alle nur eine vage Vorstellung von der Zukunft haben. Umso wichtiger ist der Dialog, die Offenheit, und ja, auch das aufrichtige Mitfühlen; aber auch das Aufzeigen alternativer Chancen und Wege für Karrieren und Berufe, die am Standort Deutschland vielleicht auf Sicht nicht mehr im gleichen Umfang oder in gleicher Form benötigt werden.

Insofern bin ich einmal mehr bewegt, was alles geht, wenn Entscheidungsträger offen und ehrlich sind und nicht nur Ziele und Zahlen, sondern eben auch die Menschen sehen und dafür einstehen: Chapeau, Jan-Marc, Robert, Ronny und alle Vordenker in der Huttenstrasse 12, die Ihr Euer Denken und Handeln mit aufrichtiger Leidenschaft vor allen Dingen auch in den Dienst der Mitarbeiter, der Menschen am Standort stellt, um mit dem Euch Möglichen deren Zukunft zu sichern. Die Mitarbeiter wünschen sich „mehr solcher Veranstaltungen“: Wieder ein Meilenstein Richtung selbst organisierter Zukunft der klassischen industriellen Werkstatt.

…und mit: „Ihr erfahrenen Könner, lasst Euch von uns Jungen inspirieren – erzählt was Ihr tut und lasst uns das mal gemeinsam neu denken“ bringt einer der Standortkollegen an diesem Tag auf unserer Feedback-Wand in einem Satz die Herausforderung – und gleichzeitig die Lösung für eine traditionelle Unternehmenskultur in Zeiten von Digitalisierung exakt auf den Punkt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.